Wiglaf Droste – Ein Nachruf

6 Jahre war es her, dass ich die Ärzte das letzte Mal live gesehen hatte. Es war eines ihrer letzten Konzerte gewesen bevor sie sich in eine 6jährige Pause verabschiedeten. Keine Konzerte, keine gemeinsamen Auftritte. Und nun stand das erste Konzert nach dieser Zeit an, der Auftakt einer 10 Konzerte umfassenden Europatournee. In Warschau. Während ich also Warschau erkundete, in Vorfreude darauf am Abend endlich meine drei Helden wieder live zu sehen, traf die Nachricht auf meinem Mobiltelefon ein, dass ein anderer großer Held von mir gestorben war. Wiglaf Droste, mit 57.

Vor circa 20 Jahren hatte ich das Frühstyxradio für mich entdeckt. Oliver Kalkofe, Sabine Bulthaup, Oliver Welke, Dietmar Wischmeyer und Andreas Liebold, die auf radio ffn Comedy machten. Ja, Comedy kann man es nennen, damals hatte dieses Wort noch nicht diesen schlimmen Beigeschmack, stand es noch nicht für das, was es heute steht. Und ich wurde Fan und wie immer wenn ich von etwas Fan wurde, wurde ich es richtig. Ich verfolgte alles, saugte alles auf, las, hörte, besuchte Live-Veranstaltungen und kam so auch auf Wiglaf Droste, dessen Hörbücher damals im Verlag des Frühstyxradios erschienen. Und wieder wurde ich Fan.

Ich las seine Bücher und was ich las war radikal, klug und für einen Jungen in meinem Alter eröffnete sich etwas. Eine Sichtweise, eine radikale und kluge Sicht auf die Welt und ihr Geschehen.

Drostes freitägliche Kolumne in der taz, seine Bücher und Hörbücher trafen all zu oft meine Sichtweise und gaben sie in einer treffsicheren, wortspielerischen und oft wunderbar schönen und melodischen Sprache wieder.

Seitdem habe ich ihn unzählige Male live gesehen, solo, mit dem Spardosenterzett, Hartmut El Kurdi, Sibylle Berg oder Franz Dobler und Benjamin von Stuckrad-Barre oder Voltaire vorlesend.

Oft waren meine Helden auch seine. Mit Bela B. und Rodrigo Gonzáles war er befreundet, mit Benjamin von Stuckrad-Barre machte er gemeinsame Dinge und für anderes öffnete er meinen Horizont: Bob Dylan, Johnny Cash, Jörg Fauser, schöne, kluge Frauen, gutes Essen, das genußvolle Leben.

Nachrufe die seine Sprache analysieren, seine Biographie widergeben oder die Skandälchen nacherzählen die es rund um ihn und seine Texte gab, gibt es zu hauf. Die Anekdoten rund um seine Liveauftritte gilt es privat zu erzählen. Hier geht es um den individuellen Drang etwas zu sagen, zu der Tatsache, dass einer meiner Lieblingsautoren nicht mehr sterblich ist. Ein Mensch der meine Sprache und mein Denken mit prägte. Jemand der einen antrieb eigenständig zu denken und vorlebte wie man all dem um einen herum fertig werden konnte. Politisch ohne kitschig zu sein. Radikal ohne dumm zu sein. An allem Übel fast verzweifelt aber doch das viele tolle, schöne im Leben zu sehn und in vollen Zügen zu genießen. Und dabei mit der deutschen Sprache umzugehen wie kaum ein anderer. Als wäre sie eine riesengroße Spielwiese auf der es sich auszutoben gilt.

Als er, der eigentlich immer auf Lesereise war irgendwann nicht mehr auftrat und es in seinen Texten immer öfter um Krankheiten und auch den Tod ging, wußte ich, das etwas nicht stimmt. Nach langer Zeit, sah ich ihn dann endlich wieder live. Meine Freundin Viola hatte als Voluntärin beim Göttinger Literaturherbst einen Platz weit vorne bei seiner Lesung organisiert, sie durfte ihn am Abend vorher betreuen, hatte seine Handynummer, ach was war ich neidisch. Und als er dann auf die Bühne kam, statt prall und sichtbar genußvoll im Leben stehend, plötzlich dünn und dürr mit spitzem, schmalem Gesicht, der Gang von der Athrose in den Knien gezeichnet, war ich geschockt. Doch die Lesung war großartig, sein Humor, seine Stimme, sein scharfer Geist hellwach. Alles würde gut werden.

Etwas später reiste ich noch einmal nach Wien und auch dort erlebte ich einen tollen Abend mit neusten Texten, gesungenen Liedern und einem wieder ersten Bauchansatz zeigenden Wiglaf.

Doch ich konnte nicht lassen hin und wieder nach ihm zu im Internet seinen Namen in eine Suchmaschine einzugeben, irgendwie die Angst im Hinterkopf es könne vorbei sein, wenn seine tägliche Kolumne in der jungen Welt mal einige Tage ausblieb. Trotzdem kam die Nachricht seines Todes überraschend, schockierend, schmerzhaft.

Bela B. erwähnte ihn am Abend in Warschau auf der Bühne, widmete ihm ein Lied und später improvisierten die drei noch für ihn. Das war wichtig und gut.

Nun muß es weitergehn mit der Welt, auch ohne den Kommentar von Wiglaf Droste. Seine Texte werden sicher vielen wie mir fehlen. So jemand wie ihn sucht man vergeblich in der Radio- und Zeitungslandschaft.