Da stehen wir vor dem Bahnhof. Ein Bahnhof dem das Haupt davor fehlt, weil diese Stadt nur einen Bahnhof hat. Ich habe einen extrem schweren Rollkoffer dabei und eine ebenfalls viel zu schwere Reisetasche auf dem Rücken. Es soll zwei Monate weg gehen. Weg aus dieser Stadt. Weg von diesem Studium. Weg von einer wieder mal vor die Wand gefahrenen Liebe. Doch warum dann so viel Gepäck? Zwei Monate. Das sind 61 Tage. Das bedeutet 61 frische T-Shirts. Das war meine Rechnung. Und von der wich ich auch nicht ab als der Koffer voll war nur mit T-Shirts. Und hier ist er nun der Abschied. Du bist mitgekommen. Meine Mitbewohnerin, meine wichtige Stütze in dieser Stadt, dieser Zeit. Bis eben waren wir noch in der Bar, die Bar die man nur einmal im Leben findet. Direkt um die Ecke unserer WG und die Lieblingsbar auch all unserer Freunde. Dort gab es das Verabschiedungsbier. Sie war auch da. Und genau da war mir klar sie war die Liebe meines Lebens. An diesem Abend mußte sie gelingen, die Versöhnung, das zurückrudern, das wieder Paar sein. Das wäre doch ein guter Abschied, oder nicht?
Aber so war es dann natürlich nicht, keine Versöhnung, keine Aussprache, keine zwei Monate Fernbeziehung vor mir. Start in einer neuen Stadt mit Fernbeziehung heißt Ankommens- und Neubeginnsfreude gleichzeitig. Das Kribbeln des Aufbruchs gemischt mit Heimweh. Gleich nach der Ankunft ein Statusbericht an die daheimgebliebene: „Bin gut angekommen. Das Bett etwas weich, toller Ausblick, alle nett hier. Aber du fehlst mir jetzt schon.“ Und dieses „Aber“ ist es was ab jetzt immer mitschwingt. Neue Bekanntschaften, neue Eindrücke sind nur halb so schön ohne sie mit der Fernbeziehungspartnerin zu teilen, dürfen nie ganz ausgekostet werden, denn das wäre ja irgendwie Verrat. Und wochenlang wird sich dann beiderseitig gefreut auf den ersten Besuch. Man schmiedet Pläne, welche der neu entdeckten Orte man vorführt, wo essen gegangen werden soll und natürlich will man auch „einfach gaaaaanz viel Zeit, einfach nur gemeinsam entspannt verbringen“. Dieser Besuch wird dann der totale Reinfall. Man ist sich fremd, der Wiedersehenssex eingerostet und krampfhaft erzwungen, die neuen, prickelnden, spannenden Orte werden jetzt mit viel zu hoch gesteckten Erwartungen erneut besucht, nun aber gemeinsam, als Paar, man hat also ein Stück von zu Hause an der Hand und das bringt dann alles durcheinander.
Das weiß ich jetzt aber alles noch nicht und stehe unglücklich wie nie, schwer getroffen und dem Heulen nahe und viel zu schwer bepackt vor diesem Bahnhof.
Zweieinhalb Jahre vorher war ich genau hier angekommen. Leicht bepackt, mit einer anderen Frau, die die Liebe fürs Leben war an der Seite.
– to be continued –